Biografische Lernhindernisse – Warum Lernen oft mehr mit unserer Geschichte als mit unserer Begabung zu tun hat
„Ich bin einfach nicht gut in Mathe.“
„Sprachen waren noch nie mein Ding.“
„Ich konnte noch nie lernen.“
Sätze wie diese höre ich regelmäßig in meiner Arbeit als Lerncoach. Sie kommen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Oft werden sie mit großer Überzeugung ausgesprochen – als seien sie unumstößliche Wahrheiten.
Doch wenn wir genauer hinschauen, stellen wir fest: Hinter diesen Aussagen verbergen sich selten objektive Tatsachen. Viel häufiger erzählen sie von Erfahrungen, die Menschen im Laufe ihres Lebens gemacht haben. Erfahrungen, die ihr Bild vom Lernen und von sich selbst geprägt haben.
Die Pädagogik spricht in diesem Zusammenhang von biografischen Lernhindernissen.
Lernen ist immer auch Beziehung
Wenn wir über Lernen sprechen, denken viele zunächst an Wissen, Konzentration, Motivation oder Lerntechniken. Diese Faktoren spielen zweifellos eine wichtige Rolle. Gleichzeitig wird häufig übersehen, dass Lernen immer auch ein emotionaler Prozess ist.
Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens eine Beziehung zum Lernen.
Diese Beziehung entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie wird geprägt durch Eltern, Lehrkräfte, Mitschülerinnen und Mitschüler sowie durch Erfolgserlebnisse und Enttäuschungen.
Ein Kind, das erlebt, dass seine Anstrengung gesehen und gewürdigt wird, entwickelt häufig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Ein anderes Kind, das wiederholt Kritik, Beschämung oder Misserfolge erfährt, beginnt möglicherweise an sich selbst zu zweifeln.
So entstehen innere Überzeugungen, die oft weit über die eigentliche Situation hinausreichen.
Wenn Erfahrungen zu Glaubenssätzen werden
Eine schlechte Note ist zunächst nur eine schlechte Note.
Problematisch wird es, wenn Kinder und Jugendliche daraus Rückschlüsse auf ihren eigenen Wert ziehen.
Aus „Die Klassenarbeit ist nicht gut gelaufen“ wird:
„Ich bin schlecht in Mathe.“
Aus „Ich habe einen Fehler gemacht“ wird:
„Ich bin nicht klug genug.“
Aus „Ich brauche mehr Zeit“ wird:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Solche Überzeugungen entstehen häufig schleichend. Irgendwann werden sie Teil des Selbstbildes und beeinflussen zukünftige Lernsituationen.
Wer davon überzeugt ist, ohnehin zu scheitern, geht mit anderen Erwartungen an neue Herausforderungen heran als jemand, der an seine Entwicklungsmöglichkeiten glaubt.
Die Macht früher Lernerfahrungen
In Coachinggesprächen zeigt sich immer wieder, wie stark frühe Erfahrungen nachwirken können.
Manche Menschen erinnern sich Jahrzehnte später noch an einen Lehrer, der ihnen sagte, sie seien nicht begabt genug.
Andere berichten von Situationen, in denen sie vor der Klasse bloßgestellt wurden oder ständig mit Geschwistern verglichen wurden.
Solche Erlebnisse mögen aus Erwachsenensicht klein erscheinen. Für Kinder können sie jedoch eine enorme Bedeutung haben.
Sie prägen die Antwort auf eine zentrale Frage:
„Wie sehe ich mich selbst als Lernender?“
Die Antwort auf diese Frage beeinflusst häufig stärker den Lernerfolg als die tatsächliche Begabung.
Lernhindernisse sind keine Charaktereigenschaften
Eine wichtige Erkenntnis aus der Lernforschung lautet: Schwierigkeiten beim Lernen sind selten Ausdruck mangelnder Intelligenz.
Oft handelt es sich vielmehr um Schutzstrategien.
Wer wiederholt Misserfolge erlebt hat, vermeidet möglicherweise Situationen, in denen erneut Enttäuschungen drohen.
Wer Angst vor Fehlern entwickelt hat, traut sich weniger zu.
Wer gelernt hat, dass Leistung über Anerkennung entscheidet, gerät schnell unter Druck.
Von außen wirkt dies manchmal wie fehlende Motivation. Tatsächlich steckt dahinter jedoch häufig die Angst, erneut zu erleben, nicht zu genügen.
Die Rolle der Eltern
Eltern spielen bei der Entwicklung von Lernbiografien eine zentrale Rolle.
Dabei geht es nicht darum, perfekte Eltern zu sein. Vielmehr geht es um die Botschaften, die Kinder täglich empfangen.
Kinder beobachten sehr genau, worauf Erwachsene ihre Aufmerksamkeit richten.
Stehen ausschließlich Noten und Leistungen im Mittelpunkt, entsteht leicht der Eindruck, dass Erfolg wichtiger ist als Entwicklung.
Werden hingegen Anstrengung, Fortschritte und individuelle Stärken wahrgenommen, entwickeln Kinder häufiger Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten.
Kinder brauchen die Erfahrung:
„Ich bin wertvoll – unabhängig von meiner Leistung.“
Diese Erfahrung bildet eine wichtige Grundlage für gesundes Lernen.
Neue Erfahrungen schaffen neue Möglichkeiten
Die gute Nachricht lautet: Lernbiografien sind nicht unveränderbar.
Unser Gehirn bleibt ein Leben lang lernfähig.
Menschen können neue Erfahrungen machen und neue Überzeugungen entwickeln.
Ein Kind, das erlebt, dass Fehler erlaubt sind, entwickelt mehr Mut.
Ein Jugendlicher, der seine Stärken entdeckt, gewinnt Selbstvertrauen.
Ein Erwachsener, der versteht, dass frühere Misserfolge nicht seine Fähigkeiten definieren, kann beginnen, Lernen neu zu betrachten.
Genau hier setzt Lerncoaching an.
Es geht nicht nur darum, bessere Lernstrategien zu entwickeln. Es geht darum, die eigene Lerngeschichte zu verstehen und neue Erfahrungen zu ermöglichen.
Lernen beginnt mit einem anderen Blick
Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis aus meiner Arbeit als Lerncoach diese:
Menschen scheitern selten an fehlenden Fähigkeiten.
Viel häufiger scheitern sie an den Geschichten, die sie über ihre Fähigkeiten erzählen.
Wer gelernt hat, sich selbst als unfähig, langsam oder unbegabt zu betrachten, trägt eine schwere Last.
Wer jedoch beginnt, diese Geschichten zu hinterfragen, eröffnet neue Entwicklungsmöglichkeiten.
Lernen wird dann nicht länger zu einem Ort der Bewertung.
Es wird wieder zu dem, was es ursprünglich sein sollte:
Ein Weg, die eigenen Möglichkeiten zu entdecken.
Heike Jänicke
Lerncoach, Coach und Supervisorin
„Jeder Mensch trägt eine Lerngeschichte in sich. Die Vergangenheit erklärt vieles – aber sie bestimmt nicht, wie das nächste Kapitel aussehen wird.“